Matthias Harre   Bisher  Kritik  Text  Bild  

Text

fürs THEATER…

aus: Der Glöckner von Notre-Dame
Schauspiel in 23 Szenen nach dem Roman ›Notre-Dame de Paris‹ von Victor Hugo
von Matthias Harre (Uraufführung Juni 2004)

7. Szene, Die Brüder

FROLLO stürmt in seine Stube. Er versteckt seine Mönchskutte.

FROLLO: Teuflisches Pech! Verflixter Krüppel! Verdammter Soldat! Was muss die Hexe auch so brüllen, hätt er ihr nur den Mund gestopft. Verfluchte Taubheit! Jetzt sitzt er im Loch und Gott bewahre, welche Buße wird das vertrottelte Gericht ihm auferlegen!
Verzaubert hat sie dich, Claude Frollo, die Hexe, mit ihrem Tanz! Wie sie den Arsch bewegt! Dass mich das packt, nach all den strengen Jahren, in denen ich Enthaltsamkeit bewahrte, ohne Last! Kein Weib konnt sich mir nähern, ich war gefeit durch Wissen, Glauben, eigne Kraft, mit meinem Kopf beherrschte ich den dumpfen Druck der Geilheit!
Und jetzt? Trieb, Trieb, Trieb, der Glöckner könnt ich sein, ein animalisch Viech. Nein, wie mein Bruder, der Student benehm ich mich, Das Horn gleich einem geilen Bock, gespitzt...
Was macht sie mit der Ziege in den kalten Nächten?
Aaaach! Ich krieg ihr Bild nicht aus dem Kopf, vernagelt alles. Und wie voll Schleim, voll Rotz und Eiter ist der Weg, den die Gedanken gehen.
Verdammt! Ich muss sie haben, der Krüppel wird sie mir, sobald vom Rad gebunden er seinen Dienst hier wieder führt, in meine Zelle bringen. Das ist sicher. (klopft auf den Tisch, gleichzeitig klopft JEAN an der Tür, FROLLO bemerkt es nicht, JEAN kommt vorsichtig herein) Und wenn ich die ganze Stadt durchsuchen lasse, ich werde sie bekommen.
JEAN: Bestimmt wirst Du sie bekommen, werter Bruder, kriegst doch alles was Du willst.
FROLLO (greift sich JEAN): Was hast du gehört?
JEAN: Dass du was bekommen wirst.
FROLLO: Und was, was werde ich bekommen?
JEAN: Weiß ich doch nicht, irgendwas halt, sie, die Bischofsmütze, die Weisheit des Steins, die Krätze, keine Ahnung, jetzt lass mich los!
FROLLO: Hast also nichts gehört?
JEAN: Nein, hab ich nicht, lass mich.
FROLLO (lässt ihn los): Gut, was willst du?
JEAN: Ein kleiner Besuch bei meinem Bruder, was ist dabei, dass Du dich so aufregst?
FROLLO: Es ist nicht wegen dir. Sie haben Quasimodo verhaftet.
JEAN: Quasimodo? Hat er zu laut geläutet? Nun ja, er hört ja nicht mehr gut...
FROLLO: Lass den Quatsch. Er soll ein Mädchen überfallen haben.
JEAN: So ein Schelm. (theatralisch) Ist wohl mit den Eselsohren selbst zum geilen Esel geworden! Ist er jetzt ewig verdammt? Erklär mir dies, weiser Dom Frollo.
FROLLO: Lästere nicht, Bruder! Ich weiß nicht, was an der Sache dran ist. Aber sag endlich, was Du willst, und stiehl mir nicht die Zeit.
JEAN: Der alte Ton! Vertraut, seit Du mich aus den Flammen der elterlichen Mühle gerettet hast. Was ich will? Ich will sie auch bekommen.
FROLLO (erschrickt): Du auch?
JEAN: Dir steckt was unterm Wams…
FROLLO (greift sich ans Herz): Mir, unterm Wams?
JEAN: Ja, sie! Die wohlgefüllte Börse, da. Viel zu schwer zu tragen für einen allein. Ich will dir helfen, Dich erleichtern!
FROLLO (erleichtert): Wegen Geld bist Du gekommen? Was auch sonst, ich hätt es wissen müssen!
JEAN: Ja, was hast Du denn gedacht? Ich werde doch das Erbe unserer Eltern nicht im Hemd von einem vertrockneten Kuttenträger verrotten lassen. Geld muss fließen, sich bewegen. An deinem Wams nutzt es nur, die Sorgen zu erhöhn.
FROLLO: Das Erbe unserer Eltern ist in dem Rauch aufgegangen, aus dem ich dich gerettet habe. Was ich besitze, ist mein gerechter Lohn als Hüter unsrer Kirche Notre-Dame, die Du ja nur von außen kennst.
JEAN: Na, na, ich bin hier aufgewachsen. Schon vergessen, Bruder? Und kenne die Kirche darum so gut wie Du. Auch von innen.
FROLLO: Dann hast du ja genug Lohn schon von ihr bekommen, und kannst jetzt gehn.
JEAN: Bruder! Willst du wirklich verantworten, dass ich die Opferstöcke breche?
FROLLO: Wage es, du nichtsnutziger Student!
JEAN: Da hast du recht, nichtsnutzig allerdings ist der Student, weil er ja noch was lernen soll, um im späteren Leben zu verteilen, was er erfahren hat. Ganz wie Du.
FROLLO: Die Worte verdrehen, ist das alles, was man im Quartier Latin heut lehrt?
JEAN: Oh, ich könnt dir viel erzählen, was die gelehrten Magister uns beizubringen versuchen, wenn ich mich nicht ständig ums Geld für Essen, Miete, Trinken, Frau’n zu kümmern hätte, würde ich die eine oder andere Vorlesung schon besuchen, aus Interesse sogar.
FROLLO: Du Tagedieb! Hier hast Du vier Sols, zahl deine Miete, deine Schulden, was noch, will ich nicht wissen und geh mir aus den Augen.
Mir ist speiübel von dem, was ich heran gezogen hab.
JEAN: Merci! Du guter Bruder! (Verbeugung, ab, FROLLO setzt sich an den Tisch.)


aus: Vom Richtigen im Falschen - über das Glück verschieden zu sein. (Arbeitstitel)
Ein Themenabend – von Matthias Harre (Uraufführung September 2006)

… ALFONS und GERALD kommen herein. ALFONS hält triumphierend sein Handy hoch.

ALFONS: Du, das war ne gute Idee mit deiner Autoantenne. Das is hier ja son verschlafenes Nest, nichmal ne vernüftige Antenne ham die hier!
GERALD: Ich glaub, dass das eher der Akku war, weißte, wegen dem Zigarettenanzünderkabeldings, sonst hätt das nie geklappt.
ALFONS: Aber ich hab die Akkus doch erst gestern aufgeladen, bis untern Rand voll warn die, schwör ich dir.
GERALD: Und wie oft haste telefoniert seitdem? Gestern, pah! So oft wie du telefonierst, das hält doch keine zwölf Stunden. Und wahrscheinlich hat Caro auch noch…
ALFONS: Stimmt!! Ihr habt uns doch gelotst! Hierhin. weiß ich doch noch, hat Caro doch die ganze Zeit mit Dora gequatscht, weil mein Navi doch inner Reparatur is!
GERALD: Ja, aber mein Handy hing am Anzünder, sollteste dir auch endlich mal zulegen.   
ALFONS: Hab ich doch längst! aber das gibt immer nen Kurzen, wenn ich den Anzünder benutze.
GERALD: Ja weil de deine dusselige Heckleuchte selbst montiert hast. Die hängt an der falschen Sicherung, hab ich dir doch gleich gesagt.
ALFONS: Ja, kann sein. is ja auch egal jetzt. Sach mal was anderes: was war eigentlich eben mit Dora los, habt ihr Knatsch irgendwie?
GERALD: Weiß ich auch nich, die is in letzter Zeit, wahrscheinlich Wechseljahre oder so, hab ihr schon was rausgesucht deswegen.
ALFONS: Du bist doch Psychogoge, Gerald. Sach mal, kannst du da eigentlich auch wie son richtiger Arzt so verschreiben, was de sonst nich so kriegst?
GERALD: Psychiater, Alfons, Psychiater. Und wenn schon, dann PSYCHOLOGE, nich goge. Ja kann ich, ist ne volles Hochschulstudium und ich hab sogar den Neurologen auch noch gemacht, das is dann der große Nervenarzt, hat mit Psychologie eigentlich weniger…
ALFONS: Großer Nervenarzt! Boah, das klingt gut. so wie Großer Manitu, oder großer Vorsitzender, irre! Steht das auch auf deinem Schild?
GERALD: Wasn fürn Schild? Ich bin doch kein Ritter! Ich hab zwar mal überlegt mir en Wappen machen zu lassen, weißte, da gibt es so Heraldiker, die machen dann aus deinem Namen so was wie ein Symbol, aber bei »Rammstein« is denen nicht wirklich viel eingefallen…
ALFONS: Quatsch Ritter. Ich mein dein Schild anner Straße, bei deiner Praxis!
GERALD: Jaha! Da steht »Psychiater und Neurologe«, das is die Berufsbezeichnung.
ALFONS: Und kannste jetzt?
GERALD: Was kann ich?
ALFONS: Na, Rezepte schreiben oder wie das heißt?
GERALD: Ja sicher, hab ich doch gesagt. und wenn Dora ihr Studium fertiggemacht hätte…
ALFONS: Das weiß ich doch, dass die damals abgebrochen hat, wegen der Abtreibung und dem ganzen Psycho der dann kam, hat die nich durchgehalten, hat Caro mir doch alles erzählt, und Mutti hat auch gesagt…
GERALD: Wie, Dora hat dir alles erzählt und »Mutti«…
ALFONS: Caro! Ja die kann das auch nich bei sich behalten, so was belastet doch, da kannste nich mal eben so drüber weggehen.
GERALD: Aber das is doch schon zwanzig Jahre…
ALFONS: Ja das denkst du, dass Zeit alle Wunden heilt und so. Aber das solltest du doch eigentlich besser wissen, du bist doch der Doktor.
GERALD: Mensch zwanzig Jahre und du weißt das noch?
ALFONS: Ja, ihr seid doch damals mit meiner Ente nach Holland gefahren. ich hab euch doch noch Decken mitgegeben, nich wegen der Sitze jetzt, sondern weil Caro gesagt hat, dass man sich danach so kalt fühlt und immer friert und so.
GERALD: Stimmt.
ALFONS: Aber, Gerry, nimms mir nich übel, irgendwie hast du auch keinen Draht zu Frauen.
GERALD: Wie?
ALFONS: Na ich seh das doch. Ihr kriegt das doch irgendwie nich so richtig hin. also, wenn ich dir da mal ein paar Tipps geben darf…
GERALD: Du? Du willst mir Tipps geben? Okay, gib mir Tipps, …

…(Hier folgt ein biographischer Monolog von GERALD)

ALFONS: Gerne. also, das wichtigste: Blumen! Regelmäßig! Hat Mutti mir gesagt: Gibt nichts wichtigeres als Blumen für ne Frau. Hat sie ja nie gekriegt, sozusagen, war ja in Gefangenschaft ein Alter, kenn ich ja gar nich wirklich, aber das hat sie mir von ihm sozusagen vererbt: Blumen.
GERALD: Blumen.
ALFONS: Regelmäßig.
GERALD: Wie jetzt, jeden Samstag, oder was?
ALFONS: Nee, auf keinen Fall. Wird sonst Gewohnheit. Gewohnheit is tödlich. Regelmäßig, aber mit Überraschungseffekt.
GERALD: Also was denn nun: Regelmäßig oder Überraschend?
ALFONS: Beides! Also, sagen wir mal: Dreimal im Jahr, nen dicken Strauß, so dreißig, vierzig, wenn du es hast auch mal fünfzig.
GERALD: Fünfzig.
ALFONS: Rote Rosen natürlich. keine anderen Farben, keine anderen als wie Baccara. Eh klar.
GERALD: Klar.
ALFONS: Und damit d’es dir nicht merken musst, machste ’n Abo. Is auch billiger, Kannste handeln mittem Blumenfritzen.
GERALD: Und wann?
ALFONS: Hochzeitstag, Geburtstag, Muttertag. Is bei uns jedenfalls die Reihenfolge. Nee, Muttertag is bei euch vielleicht nich so gut, …vielleicht dann Valentinstag noch dazu. Mach ich auch manchmal, aber nich jedes Mal, wegen der Überraschung.
GERALD: Haste recht, is vielleicht besser, in unserem Fall.
ALFONS: Und dann natürlich das ganze Programm, kannste auch abonnieren.
GERALD: Das ganze Programm?
ALFONS: Sicher. Candlelight-dinner, Limo, also son überlanges Ami-Taxi, weißt schon, hin und zurück, und dann ein bisschen kuscheln.
GERALD: Kuscheln.
ALFONS: Ja, muß nich unbedingt, Caro is auch meistens ganz schön duhn, nutzt das schon son bisschen aus, wenn se nich fahren muss wie sonst.
GERALD: Kuscheln fällt bei uns dann auch aus.
ALFONS: Macht nix, is bei uns auch schon lang nich mehr.
GERALD: Wie, du hast doch grade gesagt…
ALFONS: …ja, im Programm muss dass schon drin sein. Aber mir macht das nichts aus. weißte wenn man schon so lange zusammen ist.
GERALD: Ja.
ALFONS: Dann kennt man sich halt.
GERALD: Tut man.
ALFONS: Und Caro hat das auch verstanden.
GERALD: Was.
ALFONS: Das ich nich so.
GERALD: Was, nich so?
ALFONS: Hab ich dich doch eben gefragt! Ob du was verschreiben kannst?
GERALD: Ach so!
DORA und CARO kommen laut lachend wieder herein
DORA:Na, dann kann ich dich schon verstehen, das is aber auch ein hartes Los!
CARO: Eben nich hart! Und du kannst dir gar nicht vorstellen, was wir alles versucht…ups! Ihr seid ja schon wieder da! Hat das geklappt mit dem Handy, Alf?



JOURNALISMUS…

Charme und Schadenfreude - Pigor und Eichhorn im Bunker Ulmenwall
Neue Westfälische, April 2002

»Für ihre Kinderwagen bräuchten kleine dicke Frauen eigentlich ’nen Waffenschein...«
Nein, p.c. ist das nicht, womit der Musikkabarettist Thomas Pigor am vergangenen Freitag im Bunker Ulmenwall sein Publikum verführt. Als Frontmann und spiritus rector des gut zweistündigen Programms ›Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten.‹ lädt er gleich zu Beginn des Abends zur Grenzverletzung ein: »Rauchen Sie ruhig, woll’n wir doch mal sehen, ob diese Konny hier ein laufendes Programm unterbricht...« Was als erwartbare kabarettistische Herausforderung daherkommt, erhält durch Pigor, den agent provocateur par excellence, den notwendigen Feinschliff.
Allerdings würde der Abend ohne das Zusammenspiel mit Eichhorn nicht funktionieren. Der gibt den vermeintlich unbedarften, aber altklugen Klavierbegleiter und widersetzt sich mit vorgespielter Naivität erfolgreich den Erniedrigungen seines »Chefs«. Musikalisch äußerst versiert verschafft er den außerordentlichen Texten den angemessenen Rahmen, lässt sich vom grantelnd aggressiven, aber immer charmanten Kollegen nicht aus der selbstverliebten Ruhe bringen.
Und so stehen zwei Spielarten des künstlerischen Narzissmus auf der Bühne: das »arglose Glückskind« Eichhorn und der »eitle Star« Pigor. Eine wunderbare Reibung baut sich durch diese Konstellation auf - der dritte Mann, »Groovemaster Ulf«, der die für die Atmosphäre notwendigen Samples einspielt, wird von den beiden Hauptdarstellern gemeinsam als Blitzableiter benutzt. So wird aus dem musikalischen Kabarett ein theatrales Ereignis, ein Stück, das auch die verklärte Welt der modernen Bohéme vom Kopf auf die Füße stellt und damit den voyeuristischen Anspruch des Publikums gleichzeitig erfüllt und entlarvt.
Pigor und Eichhorn wissen, was die sicherste Voraussetzung für Witz ist: die Schadenfreude. Und sie kennen keine Tabus: Weder Überschwemmungsopfer (in Deutschland) noch Mutter Beimer, weder Opernfreunde noch gutmenschige Ethnologen können sich vor Pigors Texten sicher wähnen.
Und das ist gut so, in einer Welt, die auf dem besten Weg ist, an ihrer bigotten political correctness zu veröden. Bleibt zu hoffen, dass der künftige Etat des Kulturamts weiteren Verpflichtungen von Pigor und Eichhorn nicht im Wege steht.


ComedyComedyComedy - Michael Mittermeier zapped die Oetkerhalle
Bielefelder StadtBlatt, Februar 1999

Der unverkabelte Mensch empfängt mit Schnee und Flimmern bei ›Samstag Nacht‹ und Harald Schmidt wenn's hoch kommt 5 Minuten Mittermeier pro Sendung. Und erfährt dabei nur einen Hauch von dem, was die Faszination dieses Energiebündels ausmacht. Erst zweieinhalb Stunden in der seit Wochen ausverkauften Oetkerhalle ergeben ein Bild des Massenzerreissers, der sich sogar in seiner Magisterarbeit der amerikanischen Stand Up Comedy verschrieben hat. Geboren 1966, dem Jahr der Bildung der großen Koalition, des ersten sozialdemokratischen Außenministers, wächst Mittermeier auf mit Flipper und Bonanza, Edgar Wallace und Eduard Zimmermann. Das prägt. Den Menschen und sein Programm: ›ZAPPED! – Ein TV-Junkie knallt durch‹. Das größtenteils gleichaltrige Publikum brüllt seit 1996, dem Jahr der Premiere, der spillerige Baseballkappenträger hat die Tournee um zwölf Monate verlängert.

Drei Seiten hat dieser Erfolg:

Eins.
Mittermeier bedient. Füttert die Masse. Formuliert, was sie eh schon denkt. Verona Feldbusch, Dolly Buster, DJ Bobo, und, und, und - alle kriegen sie ihr Fett ab. Das Kennzeichen der neuen deutschen Comedy ist das Diskriminieren, kurz dissen. Im Betrieb heißt das Mobbing und ist not p.c.. Auf der Bühne ist das lustig und löst die Verkrampfungen des Büroalltags. Und so tauchen sie dann auf, im Gewand des Narren, all die kleinen, schon bös gemeinten Chauvinismen, Rassismen, Vorurteile und sonstigen Beleidigungen, ohne die dem Leben der Kick, die wahre Schärfe fehlt. Und jede(r) lacht mit, der Saal dröhnt auf Stichwort. Bewahren alle Frauen spermabefleckte Kleider solange auf wie Monica Lewinsky, finden ostwestfälische Männer Dolly Busters Silikonlippen echt erotisch? Ist das wirklich witzig? Der Saal rast, brüllt die eigene Verklemmtheit nieder.

Zwei.
Waren wir alle in psychischer Umnachtung, als wir uns Flipper, die Waltons, Bonanza und Enterprise anschauten? Mittermeier zerstückelt unsere Kindheitserinnerungen, was damals echt geil war, wird von ihm heute geoutet. Die Helden der Kindheit werden decouvriert, Dramaturgiekritik an 20 Jahre alten Fernsehserien: »Werdet erwachsen, man hat euch damals schon betrogen.« Das scheint die message zu sein. Sendungen, an die man sich naiv und gern zurückerinnert, werden auseinandergenommen. »Was waren doch einmal kindisch, ich decke das jetzt einmal rücksichtslos auf, was da alles so ziemlich unrealistisch war.« Daß Lassies Tommy die Hundesprache verblüffend detailliert verstand, Flipper die Töne der ausgemusterten Waltonhupe unter Wasser in delphinisch zu dechiffrieren verstand, Hoss Cartwrights Pferde ihn nie tragen wollten. Wer will das hören? Alle. Alle lachen über das eigene Verführtwordensein, verleugnen das eigene Kindgewesensein. Und Mittermeier pinkelt auf die Mutter seines eigenen Erfolges, das Fernsehen. Hinter dieser scheinbar aufklärerisch erwachsenen Narretei scheint ein gerüttelt Maß an Hass zu stecken, soviel vulgärpsychologische Interpretation muss erlaubt sein.

Drei.
Aber Mittermeier ist Profi. Er ist pointensicher bis ins Detail, hat einen durchchoreographierten dramaturgischen Aufbau, der seinesgleichen sucht, hat das Publikum von Anfang bis Ende in der Hand. Versteht es, die einzelnen Themenstränge zusammenzuführen, alle roten Fäden knäulen sich zur großen Schlußapotheose: die heiligen drei Könige treffen Captain Kirk nebst Kate Moss, riechen zusammen nach Obsession, Willi sucht nach Biene Maja, die schon längst im Grab liegt, der bekiffte AOK-Mitarbeiter verteilt Auslandkrankenscheine. Mittermeier holt die Flut der Fersehkanäle auf die Bühne. Was das Faszinierende an der Sache ist: Er ist so authentisch, so real, daß man ihm, bei der exzellenten Licht- und Nebelshow, alles abnimmt. Der TV-Junkie wird zur Stimme des ungefragten Zuschauers, der so endlich einmal rauskotzen kann, was er eigentlich immer schon echt Scheiße gefunden hat. Comedy ist TV, ist Polemik, ist ritueller Vatermord, Mittermeier ist die pubertierende Pumpgun. Das Volk erklatscht, ertrampelt, ergrölt sich zwei Zugaben und zahlt die Munition.


KABARETT…

Fiktive Dankesrede von Franz Beckenbauer anlässlich der Verleihung des BigBrotherAwards 2005
»… Ja Grüß Gott, meine Damen und Herren!
Ich steh hier ja, ich sag mal, äh, äh nur sozusagen stellvertretend für den deutschen Fußball und bin ja in der Sache, aber, … ich will da die Verantwortung auch nicht von der Hand weisen. Man hat mich nun einmal zum Präsidenten des OK für die WM gemacht, …und jetzt das. Ist das denn wirklich so schlimm, wie sie denken?
Wir sollten nicht alles ins Korn schmeißen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage! Als wir die Kampagne vor vier Jahren begonnen haben, standen wir bei Null Komma Null Point Null Prozent.
Aber, Herrschaften, ich habs doch schon gesagt: Mein größter Wunsch ist Frieden auf der Welt. Wir sind immer noch am Beginn der Evolution. Wir sind den Tieren immer noch sehr ähnlich. Der einzige Unterschied ist, dass Gott uns die Stimme gab. Und ich finde es großartig, dass sich die Frauen immer mehr vermehren in der Bundesliga.
Mit der wir jetzt zusammen die Weltmeisterschaft vorbereiten.
Und so viele gehen doch gar nicht ins Stadion.
Der Deutsche sieht den Fußball doch viel lieber zu Hause, im Garten, auf der Hollywoodschaukel.
Denken Sie an 1990, damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden.
Die passen doch gar nicht alle ins Stadion. Nein, je länger ich überlege, bei den Externen, die da ins Land kommen, ich find diese sichere Regelung schon ganz richtig, auch wenn Sie da anderer Meinung sein mögen.
Die Schweden sind keine Holländer - das hat man immer wieder gesehen. Ich hab das auch schon gesagt bei der Weltmeisterschaft.
Ich habe gesagt: Man kann alle in einen Sack stecken und so weiter. Kritik kam dann auf mich zu, aber ich hab das nicht so negativ gemeint. Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.
Wer kann das denn schon vorhersagen? Wahrscheinlich wird es auch diesmal eine ganze Reihe von Spielen geben, die hätten nicht im Stadion stattfinden sollen, sondern auf dem Sandplatz nebenan.
Und was Ihren Preis angeht: Je länger ich darüber nachdenke, desto definitiver stehe ich nicht zur Verfügung.
Trotzdem will ich Ihnen noch einen guten Ratschlag auf den Weg geben:
Erfolg ist wie ein scheues Reh. Der Wind muß stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond.
Schaun ma mal, dann seng mas scho. Pfüati! Geht’s raus und spielt’s Fußball.«

Fiktive Dankesrede der Firma Armex anlässlich der Verleihung des BigBrotherAwards 2004

»…Die Welt verändert sich. Und wir, die Firma Armex, sind mit dabei auf dem Weg in die Zukunft!.
Die Auszeichnung, die ich heute gern entgegennehme, kommt nicht von ungefähr.
Wir freuen uns, dass das Thema Sicherheit schon traditionell zum Umfeld des Big Brother Award gehört.
Schon im Jahr 2000 wurde unser Marktbegleiter, die Firma protect-com von Ihnen gewürdigt, im letzten Jahr zeichneten Sie Senator Dr. Körting aus, der mit dem SMS-Tracking in der Verbrechensvorsorge für Maßstäbe gesorgt hat.
Auch wir legen Wert auf Tradition.
Wir haben dieses Verfahren fortentwickelt, und schützen potentielle Opfer. Denn gerade für Jugendliche geht es um die richtige Wahl:
die Wahl der richtigen Straßenseite auf dem Schulweg,
die Wahl der richtigen Fußgängerampel,
ja!, auch um die Wahl der richtigen Begleiter.
Wir schalten uns aktiv ein und können einschreiten,
wenn Drogenhändler unsere Kinder verführen,
wenn die lieben Kleinen ihre Finger in den Verlockungen des Warenangebots verlieren, oder mal wieder zu viele Farbdosen mitgehen lassen.
Schon der kleinste Verdacht stellt die Verbindung her, und ich verrate Ihnen gern ein kleines Geheimnis: wir arbeiten an bahn brechenden Methoden zur direkten Sanktionierung geplanter Unregelmäßigkeiten.
In Tierexperimenten wurde nachgewiesen, dass schon kleine elektrische Entladungen, der Laie spricht von Stromstößen, entscheidende Konditionierungen erzielen können, die es ermöglichen, ungeschoren den rechten Weg weiter zu verfolgen.
Und was bei Hunden und Ratten funktioniert, kann doch für die uns anvertrauten Nachwachsenden nicht falsch sein!
In diesem Sinn danken wir der Jury für ihre Unterstützung, unser Anliegen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Medial begleitete Preisverleihungen sind eben wertvolle Werbeträger.
Und was kann wertvoller sein, als für die Sicherheit unserer Kinder, also unserer Zukunft zu sorgen.«

© Matthias Harre