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Matthias Harre • Bisher • Kritik • Text • Bild
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fürs THEATER…
aus: Der
Glöckner von Notre-Dame
Schauspiel in 23 Szenen nach dem Roman ›Notre-Dame de
Paris‹ von Victor Hugo
von Matthias Harre (Uraufführung Juni 2004)
7. Szene, Die Brüder
FROLLO
stürmt in seine Stube. Er versteckt seine Mönchskutte.
FROLLO: Teuflisches Pech! Verflixter Krüppel! Verdammter
Soldat!
Was muss die Hexe auch so brüllen, hätt er ihr nur
den Mund
gestopft. Verfluchte Taubheit! Jetzt sitzt er im Loch und Gott bewahre,
welche Buße wird das vertrottelte Gericht ihm auferlegen!
Verzaubert hat sie dich, Claude Frollo, die Hexe, mit ihrem Tanz! Wie
sie den Arsch bewegt! Dass mich das packt, nach all den strengen
Jahren, in denen ich Enthaltsamkeit bewahrte, ohne Last! Kein Weib
konnt sich mir nähern, ich war gefeit durch Wissen, Glauben,
eigne
Kraft, mit meinem Kopf beherrschte ich den dumpfen Druck der Geilheit!
Und jetzt? Trieb, Trieb, Trieb, der Glöckner könnt
ich sein,
ein animalisch Viech. Nein, wie mein Bruder, der Student benehm ich
mich, Das Horn gleich einem geilen Bock, gespitzt...
Was macht sie mit der Ziege in den kalten Nächten?
Aaaach! Ich krieg ihr Bild nicht aus dem Kopf, vernagelt alles. Und wie
voll Schleim, voll Rotz und Eiter ist der Weg, den die Gedanken gehen.
Verdammt! Ich muss sie haben, der Krüppel wird sie mir, sobald
vom
Rad gebunden er seinen Dienst hier wieder führt, in meine
Zelle
bringen. Das ist sicher. (klopft
auf den Tisch, gleichzeitig klopft JEAN an der Tür,
FROLLO bemerkt es nicht, JEAN kommt vorsichtig herein) Und
wenn ich die ganze Stadt durchsuchen lasse, ich werde sie bekommen.
JEAN: Bestimmt wirst Du sie bekommen, werter Bruder, kriegst doch alles
was Du willst.
FROLLO (greift sich
JEAN): Was hast du gehört?
JEAN: Dass du was bekommen wirst.
FROLLO: Und was, was werde ich bekommen?
JEAN: Weiß ich doch nicht, irgendwas halt, sie, die
Bischofsmütze, die Weisheit des Steins, die Krätze,
keine
Ahnung, jetzt lass mich los!
FROLLO: Hast also nichts gehört?
JEAN: Nein, hab ich nicht, lass mich.
FROLLO (lässt ihn los): Gut, was willst du?
JEAN: Ein kleiner Besuch bei meinem Bruder, was ist dabei, dass Du dich
so aufregst?
FROLLO: Es ist nicht wegen dir. Sie haben Quasimodo verhaftet.
JEAN: Quasimodo? Hat er zu laut geläutet? Nun ja, er
hört ja nicht mehr gut...
FROLLO: Lass den Quatsch. Er soll ein Mädchen
überfallen haben.
JEAN: So ein Schelm. (theatralisch)
Ist wohl mit den Eselsohren selbst zum geilen Esel geworden! Ist er
jetzt ewig verdammt? Erklär mir dies, weiser Dom Frollo.
FROLLO: Lästere nicht, Bruder! Ich weiß nicht, was
an der
Sache dran ist. Aber sag endlich, was Du willst, und stiehl mir nicht
die Zeit.
JEAN: Der alte Ton! Vertraut, seit Du mich aus den Flammen der
elterlichen Mühle gerettet hast. Was ich will? Ich will sie
auch
bekommen.
FROLLO (erschrickt):
Du auch?
JEAN: Dir steckt was unterm Wams…
FROLLO (greift sich ans
Herz): Mir, unterm Wams?
JEAN: Ja, sie! Die wohlgefüllte Börse, da. Viel zu
schwer zu
tragen für einen allein. Ich will dir helfen, Dich erleichtern!
FROLLO (erleichtert):
Wegen Geld bist Du gekommen? Was auch sonst, ich hätt es
wissen müssen!
JEAN: Ja, was hast Du denn gedacht? Ich werde doch das Erbe unserer
Eltern nicht im Hemd von einem vertrockneten Kuttenträger
verrotten lassen. Geld muss fließen, sich bewegen. An deinem
Wams
nutzt es nur, die Sorgen zu erhöhn.
FROLLO: Das Erbe unserer Eltern ist in dem Rauch aufgegangen, aus dem
ich dich gerettet habe. Was ich besitze, ist mein gerechter Lohn als
Hüter unsrer Kirche Notre-Dame, die Du ja nur von
außen
kennst.
JEAN: Na, na, ich bin hier aufgewachsen. Schon vergessen, Bruder? Und
kenne die Kirche darum so gut wie Du. Auch von innen.
FROLLO: Dann hast du ja genug Lohn schon von ihr bekommen, und kannst
jetzt gehn.
JEAN: Bruder! Willst du wirklich verantworten, dass ich die
Opferstöcke breche?
FROLLO: Wage es, du nichtsnutziger Student!
JEAN: Da hast du recht, nichtsnutzig allerdings ist der Student, weil
er ja noch was lernen soll, um im späteren Leben zu verteilen,
was
er erfahren hat. Ganz wie Du.
FROLLO: Die Worte verdrehen, ist das alles, was man im Quartier Latin
heut lehrt?
JEAN: Oh, ich könnt dir viel erzählen, was die
gelehrten
Magister uns beizubringen versuchen, wenn ich mich nicht
ständig
ums Geld für Essen, Miete, Trinken, Frau’n zu
kümmern
hätte, würde ich die eine oder andere Vorlesung schon
besuchen, aus Interesse sogar.
FROLLO: Du Tagedieb! Hier hast Du vier Sols, zahl deine Miete, deine
Schulden, was noch, will ich nicht wissen und geh mir aus den Augen.
Mir ist speiübel von dem, was ich heran gezogen hab.
JEAN: Merci! Du guter Bruder! (Verbeugung,
ab, FROLLO setzt sich an den Tisch.)
aus: Vom Richtigen im
Falschen - über das Glück verschieden zu sein.
(Arbeitstitel)
Ein Themenabend – von Matthias Harre (Uraufführung
September 2006)
…
ALFONS und GERALD kommen herein. ALFONS hält triumphierend
sein Handy hoch.
ALFONS: Du, das war ne gute Idee mit deiner Autoantenne. Das is hier ja
son verschlafenes Nest, nichmal ne vernüftige Antenne ham die
hier!
GERALD: Ich glaub, dass das eher der Akku war, weißte, wegen
dem
Zigarettenanzünderkabeldings, sonst hätt das nie
geklappt.
ALFONS: Aber ich hab die Akkus doch erst gestern aufgeladen, bis untern
Rand voll warn die, schwör ich dir.
GERALD: Und wie oft haste telefoniert seitdem? Gestern, pah! So oft wie
du telefonierst, das hält doch keine zwölf Stunden.
Und
wahrscheinlich hat Caro auch noch…
ALFONS: Stimmt!! Ihr habt uns doch gelotst! Hierhin. weiß ich
doch noch, hat Caro doch die ganze Zeit mit Dora gequatscht, weil mein
Navi doch inner Reparatur is!
GERALD: Ja, aber mein Handy hing am Anzünder, sollteste dir
auch endlich mal zulegen.
ALFONS: Hab ich doch längst! aber das gibt immer nen Kurzen,
wenn ich den Anzünder benutze.
GERALD: Ja weil de deine dusselige Heckleuchte selbst montiert hast.
Die hängt an der falschen Sicherung, hab ich dir doch gleich
gesagt.
ALFONS: Ja, kann sein. is ja auch egal jetzt. Sach mal was anderes: was
war eigentlich eben mit Dora los, habt ihr Knatsch irgendwie?
GERALD: Weiß ich auch nich, die is in letzter Zeit,
wahrscheinlich Wechseljahre oder so, hab ihr schon was rausgesucht
deswegen.
ALFONS: Du bist doch Psychogoge, Gerald. Sach mal, kannst du da
eigentlich auch wie son richtiger Arzt so verschreiben, was de sonst
nich so kriegst?
GERALD: Psychiater, Alfons, Psychiater. Und wenn schon, dann
PSYCHOLOGE,
nich goge. Ja kann ich, ist ne volles Hochschulstudium und ich hab
sogar den Neurologen auch noch gemacht, das is dann der große
Nervenarzt, hat mit Psychologie eigentlich weniger…
ALFONS: Großer Nervenarzt! Boah, das klingt gut. so wie
Großer Manitu, oder großer Vorsitzender, irre!
Steht das
auch auf deinem Schild?
GERALD: Wasn fürn Schild? Ich bin doch kein Ritter! Ich hab
zwar
mal überlegt mir en Wappen machen zu lassen, weißte,
da gibt
es so Heraldiker, die machen dann aus deinem Namen so was wie ein
Symbol, aber bei »Rammstein« is denen nicht
wirklich viel
eingefallen…
ALFONS: Quatsch Ritter. Ich mein dein Schild anner Straße,
bei deiner Praxis!
GERALD: Jaha! Da steht »Psychiater und Neurologe«,
das is die Berufsbezeichnung.
ALFONS: Und kannste jetzt?
GERALD: Was kann ich?
ALFONS: Na, Rezepte schreiben oder wie das heißt?
GERALD: Ja sicher, hab ich doch gesagt. und wenn Dora ihr Studium
fertiggemacht hätte…
ALFONS: Das weiß ich doch, dass die damals abgebrochen hat,
wegen
der Abtreibung und dem ganzen Psycho der dann kam, hat die nich
durchgehalten, hat Caro mir doch alles erzählt, und Mutti hat
auch
gesagt…
GERALD: Wie, Dora hat dir alles erzählt und
»Mutti«…
ALFONS: Caro! Ja die kann das auch nich bei sich behalten, so was
belastet doch, da kannste nich mal eben so drüber weggehen.
GERALD: Aber das is doch schon zwanzig Jahre…
ALFONS: Ja das denkst du, dass Zeit alle Wunden heilt und so. Aber das
solltest du doch eigentlich besser wissen, du bist doch der Doktor.
GERALD: Mensch zwanzig Jahre und du weißt das noch?
ALFONS: Ja, ihr seid doch damals mit meiner Ente nach Holland gefahren.
ich hab euch doch noch Decken mitgegeben, nich wegen der Sitze jetzt,
sondern weil Caro gesagt hat, dass man sich danach so kalt
fühlt
und immer friert und so.
GERALD: Stimmt.
ALFONS: Aber, Gerry, nimms mir nich übel, irgendwie hast du
auch keinen Draht zu Frauen.
GERALD: Wie?
ALFONS: Na ich seh das doch. Ihr kriegt das doch irgendwie nich so
richtig hin. also, wenn ich dir da mal ein paar Tipps geben
darf…
GERALD: Du? Du willst mir Tipps geben? Okay, gib mir Tipps, …
…(Hier
folgt ein biographischer Monolog von GERALD)
ALFONS: Gerne. also, das wichtigste: Blumen!
Regelmäßig! Hat
Mutti mir gesagt: Gibt nichts wichtigeres als Blumen für ne
Frau.
Hat sie ja nie gekriegt, sozusagen, war ja in Gefangenschaft ein Alter,
kenn ich ja gar nich wirklich, aber das hat sie mir von ihm sozusagen
vererbt: Blumen.
GERALD: Blumen.
ALFONS: Regelmäßig.
GERALD: Wie jetzt, jeden Samstag, oder was?
ALFONS: Nee, auf keinen Fall. Wird sonst Gewohnheit. Gewohnheit is
tödlich. Regelmäßig, aber mit
Überraschungseffekt.
GERALD: Also was denn nun: Regelmäßig oder
Überraschend?
ALFONS: Beides! Also, sagen wir mal: Dreimal im Jahr, nen dicken
Strauß, so dreißig, vierzig, wenn du es hast auch
mal
fünfzig.
GERALD: Fünfzig.
ALFONS: Rote Rosen natürlich. keine anderen Farben, keine
anderen als wie Baccara. Eh klar.
GERALD: Klar.
ALFONS: Und damit d’es dir nicht merken musst, machste
’n
Abo. Is auch billiger, Kannste handeln mittem Blumenfritzen.
GERALD: Und wann?
ALFONS: Hochzeitstag, Geburtstag, Muttertag. Is bei uns jedenfalls die
Reihenfolge. Nee, Muttertag is bei euch vielleicht nich so gut,
…vielleicht dann Valentinstag noch dazu. Mach ich auch
manchmal,
aber nich jedes Mal, wegen der Überraschung.
GERALD: Haste recht, is vielleicht besser, in unserem Fall.
ALFONS: Und dann natürlich das ganze Programm, kannste auch
abonnieren.
GERALD: Das ganze Programm?
ALFONS: Sicher. Candlelight-dinner, Limo, also son überlanges
Ami-Taxi, weißt schon, hin und zurück, und dann ein
bisschen
kuscheln.
GERALD: Kuscheln.
ALFONS: Ja, muß nich unbedingt, Caro is auch meistens ganz
schön duhn, nutzt das schon son bisschen aus, wenn se nich
fahren
muss wie sonst.
GERALD: Kuscheln fällt bei uns dann auch aus.
ALFONS: Macht nix, is bei uns auch schon lang nich mehr.
GERALD: Wie, du hast doch grade gesagt…
ALFONS: …ja, im Programm muss dass schon drin sein. Aber mir
macht das nichts aus. weißte wenn man schon so lange zusammen
ist.
GERALD: Ja.
ALFONS: Dann kennt man sich halt.
GERALD: Tut man.
ALFONS: Und Caro hat das auch verstanden.
GERALD: Was.
ALFONS: Das ich nich so.
GERALD: Was, nich so?
ALFONS: Hab ich dich doch eben gefragt! Ob du was verschreiben kannst?
GERALD: Ach so!
DORA und
CARO kommen laut lachend wieder herein
DORA:Na, dann kann ich dich schon verstehen, das is aber auch ein
hartes Los!
CARO: Eben nich hart! Und du kannst dir gar nicht vorstellen, was wir
alles versucht…ups! Ihr seid ja schon wieder da! Hat das
geklappt mit dem Handy, Alf?
…
JOURNALISMUS…
Charme und
Schadenfreude - Pigor und Eichhorn im Bunker Ulmenwall
Neue Westfälische, April 2002
»Für ihre Kinderwagen bräuchten kleine
dicke Frauen eigentlich ’nen Waffenschein...«
Nein, p.c. ist das nicht, womit der Musikkabarettist Thomas Pigor am
vergangenen Freitag im Bunker Ulmenwall sein Publikum
verführt.
Als Frontmann und spiritus rector des gut zweistündigen
Programms
›Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten.‹
lädt
er gleich zu Beginn des Abends zur Grenzverletzung ein:
»Rauchen
Sie ruhig, woll’n wir doch mal sehen, ob diese Konny hier ein
laufendes Programm unterbricht...« Was als erwartbare
kabarettistische Herausforderung daherkommt, erhält durch
Pigor,
den agent provocateur par excellence, den notwendigen Feinschliff.
Allerdings würde der Abend ohne das Zusammenspiel mit Eichhorn
nicht funktionieren. Der gibt den vermeintlich unbedarften, aber
altklugen Klavierbegleiter und widersetzt sich mit vorgespielter
Naivität erfolgreich den Erniedrigungen seines
»Chefs«. Musikalisch äußerst
versiert verschafft
er den außerordentlichen Texten den angemessenen Rahmen,
lässt sich vom grantelnd aggressiven, aber immer charmanten
Kollegen nicht aus der selbstverliebten Ruhe bringen.
Und so stehen zwei Spielarten des künstlerischen Narzissmus
auf
der Bühne: das »arglose
Glückskind« Eichhorn und
der »eitle Star« Pigor. Eine wunderbare Reibung
baut sich
durch diese Konstellation auf - der dritte Mann,
»Groovemaster
Ulf«, der die für die Atmosphäre
notwendigen Samples
einspielt, wird von den beiden Hauptdarstellern gemeinsam als
Blitzableiter benutzt. So wird aus dem musikalischen Kabarett ein
theatrales Ereignis, ein Stück, das auch die
verklärte Welt
der modernen Bohéme vom Kopf auf die Füße
stellt und
damit den voyeuristischen Anspruch des Publikums gleichzeitig
erfüllt und entlarvt.
Pigor und Eichhorn wissen, was die sicherste Voraussetzung für
Witz ist: die Schadenfreude. Und sie kennen keine Tabus: Weder
Überschwemmungsopfer (in Deutschland) noch Mutter Beimer,
weder
Opernfreunde noch gutmenschige Ethnologen können sich vor
Pigors
Texten sicher wähnen.
Und das ist gut so, in einer Welt, die auf dem besten Weg ist, an
ihrer bigotten political correctness zu veröden. Bleibt zu
hoffen,
dass der künftige Etat des Kulturamts weiteren Verpflichtungen
von
Pigor und Eichhorn nicht im Wege steht.
ComedyComedyComedy
- Michael Mittermeier zapped die Oetkerhalle
Bielefelder StadtBlatt, Februar 1999
Der unverkabelte Mensch empfängt mit Schnee und Flimmern bei
›Samstag Nacht‹ und Harald Schmidt
wenn's hoch kommt 5 Minuten Mittermeier pro Sendung. Und
erfährt dabei nur einen Hauch von dem, was die Faszination
dieses
Energiebündels ausmacht. Erst zweieinhalb Stunden in der seit
Wochen ausverkauften Oetkerhalle ergeben ein Bild des
Massenzerreissers, der sich sogar in seiner Magisterarbeit der
amerikanischen Stand Up Comedy verschrieben hat. Geboren 1966, dem Jahr
der Bildung der großen Koalition, des ersten
sozialdemokratischen
Außenministers, wächst Mittermeier auf mit Flipper
und
Bonanza, Edgar Wallace und Eduard Zimmermann. Das prägt. Den
Menschen und sein Programm: ›ZAPPED! – Ein
TV-Junkie knallt
durch‹. Das größtenteils gleichaltrige
Publikum
brüllt seit 1996, dem Jahr der Premiere, der spillerige
Baseballkappenträger hat die Tournee um zwölf Monate
verlängert.
Drei Seiten hat dieser Erfolg:
Eins.
Mittermeier bedient. Füttert die Masse. Formuliert, was sie
eh schon denkt. Verona Feldbusch, Dolly Buster, DJ Bobo, und,
und, und - alle kriegen sie ihr Fett ab. Das Kennzeichen der neuen
deutschen Comedy ist das Diskriminieren, kurz dissen. Im Betrieb
heißt das Mobbing und ist not p.c.. Auf der Bühne
ist das
lustig und löst die Verkrampfungen des Büroalltags.
Und so
tauchen sie dann auf, im Gewand des Narren, all die kleinen, schon
bös gemeinten Chauvinismen, Rassismen, Vorurteile und
sonstigen Beleidigungen, ohne die dem Leben der Kick, die wahre
Schärfe fehlt. Und jede(r) lacht mit, der Saal dröhnt
auf
Stichwort. Bewahren alle Frauen spermabefleckte Kleider solange auf wie
Monica Lewinsky, finden ostwestfälische Männer Dolly
Busters
Silikonlippen echt erotisch? Ist das wirklich witzig? Der Saal rast,
brüllt die eigene Verklemmtheit nieder.
Zwei.
Waren wir alle in psychischer Umnachtung, als wir uns Flipper, die
Waltons, Bonanza und Enterprise anschauten? Mittermeier
zerstückelt unsere Kindheitserinnerungen, was damals echt geil
war, wird von ihm heute geoutet. Die Helden der Kindheit werden
decouvriert, Dramaturgiekritik an 20 Jahre alten Fernsehserien:
»Werdet erwachsen, man hat euch damals schon
betrogen.« Das
scheint die message zu sein. Sendungen, an die man sich naiv und gern
zurückerinnert, werden auseinandergenommen. »Was
waren doch
einmal kindisch, ich decke das jetzt einmal rücksichtslos auf,
was
da alles so ziemlich unrealistisch war.« Daß
Lassies
Tommy die Hundesprache verblüffend detailliert verstand,
Flipper
die Töne der ausgemusterten Waltonhupe unter Wasser in
delphinisch
zu dechiffrieren verstand, Hoss Cartwrights Pferde ihn nie tragen
wollten. Wer will das hören? Alle. Alle lachen über
das
eigene Verführtwordensein, verleugnen das eigene
Kindgewesensein.
Und Mittermeier pinkelt auf die Mutter seines eigenen Erfolges, das
Fernsehen. Hinter dieser scheinbar aufklärerisch erwachsenen
Narretei scheint ein gerüttelt Maß an Hass zu
stecken,
soviel vulgärpsychologische Interpretation muss erlaubt sein.
Drei.
Aber Mittermeier ist Profi. Er ist pointensicher bis ins Detail, hat
einen durchchoreographierten dramaturgischen Aufbau, der seinesgleichen
sucht, hat das Publikum von Anfang bis Ende in der Hand. Versteht es,
die einzelnen Themenstränge zusammenzuführen, alle
roten
Fäden knäulen sich zur großen
Schlußapotheose:
die heiligen drei Könige treffen Captain Kirk nebst Kate Moss,
riechen zusammen nach Obsession, Willi sucht nach Biene Maja, die
schon längst im Grab liegt, der bekiffte AOK-Mitarbeiter
verteilt
Auslandkrankenscheine. Mittermeier holt die Flut der
Fersehkanäle
auf die Bühne. Was das Faszinierende an der Sache ist: Er ist
so
authentisch, so real, daß man ihm, bei der exzellenten Licht-
und
Nebelshow, alles abnimmt. Der TV-Junkie wird zur Stimme des ungefragten
Zuschauers, der so endlich einmal rauskotzen kann, was er eigentlich
immer schon echt Scheiße gefunden hat. Comedy ist TV, ist
Polemik, ist ritueller Vatermord, Mittermeier ist die pubertierende
Pumpgun. Das Volk erklatscht, ertrampelt, ergrölt sich zwei
Zugaben und zahlt die Munition.
KABARETT…
Fiktive Dankesrede von
Franz Beckenbauer anlässlich der Verleihung des BigBrotherAwards 2005
»… Ja Grüß Gott, meine Damen
und Herren!
Ich steh hier ja, ich sag mal, äh, äh nur sozusagen
stellvertretend für den deutschen Fußball und bin ja
in der
Sache, aber, … ich will da die Verantwortung auch nicht von
der
Hand weisen. Man hat mich nun einmal zum Präsidenten des OK
für die WM gemacht, …und jetzt das. Ist das denn
wirklich
so schlimm, wie sie denken?
Wir sollten nicht alles ins Korn schmeißen. Es gibt nur eine
Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage! Als wir die
Kampagne vor vier Jahren begonnen haben, standen wir bei Null Komma
Null Point Null Prozent.
Aber, Herrschaften, ich habs doch schon gesagt: Mein
größter
Wunsch ist Frieden auf der Welt. Wir sind immer noch am Beginn der
Evolution. Wir sind den Tieren immer noch sehr ähnlich. Der
einzige Unterschied ist, dass Gott uns die Stimme gab. Und ich finde es
großartig, dass sich die Frauen immer mehr vermehren in der
Bundesliga.
Mit der wir jetzt zusammen die Weltmeisterschaft vorbereiten.
Und so viele gehen doch gar nicht ins Stadion.
Der Deutsche sieht den Fußball doch viel lieber zu Hause, im
Garten, auf der Hollywoodschaukel.
Denken Sie an 1990, damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher
gestanden.
Die passen doch gar nicht alle ins Stadion. Nein, je länger
ich
überlege, bei den Externen, die da ins Land kommen, ich find
diese
sichere Regelung schon ganz richtig, auch wenn Sie da anderer Meinung
sein mögen.
Die Schweden sind keine Holländer - das hat man immer wieder
gesehen. Ich hab das auch schon gesagt bei der Weltmeisterschaft.
Ich habe gesagt: Man kann alle in einen Sack stecken und so weiter.
Kritik kam dann auf mich zu, aber ich hab das nicht so negativ gemeint.
Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.
Wer kann das denn schon vorhersagen? Wahrscheinlich wird es auch
diesmal eine ganze Reihe von Spielen geben, die hätten nicht
im
Stadion stattfinden sollen, sondern auf dem Sandplatz nebenan.
Und was Ihren Preis angeht: Je länger ich darüber
nachdenke, desto definitiver stehe ich nicht zur Verfügung.
Trotzdem will ich Ihnen noch einen guten Ratschlag auf den Weg geben:
Erfolg ist wie ein scheues Reh. Der Wind muß stimmen, die
Witterung, die Sterne und der Mond.
Schaun ma mal, dann seng mas scho. Pfüati! Geht’s
raus und spielt’s Fußball.«
Fiktive Dankesrede der
Firma Armex anlässlich der Verleihung des BigBrotherAwards 2004
»…Die Welt verändert sich. Und wir, die
Firma Armex, sind mit dabei auf dem Weg in die Zukunft!.
Die Auszeichnung, die ich heute gern entgegennehme, kommt nicht von
ungefähr.
Wir freuen uns, dass das Thema Sicherheit schon traditionell zum Umfeld
des Big Brother Award gehört.
Schon im Jahr 2000 wurde unser Marktbegleiter, die Firma protect-com
von Ihnen gewürdigt, im letzten Jahr zeichneten Sie Senator
Dr.
Körting aus, der mit dem SMS-Tracking in der
Verbrechensvorsorge
für Maßstäbe gesorgt hat.
Auch wir legen Wert auf Tradition.
Wir haben dieses Verfahren fortentwickelt, und schützen
potentielle Opfer. Denn gerade für Jugendliche geht es um die
richtige Wahl:
die Wahl der richtigen Straßenseite auf dem Schulweg,
die Wahl der richtigen Fußgängerampel,
ja!, auch um die Wahl der richtigen Begleiter.
Wir schalten uns aktiv ein und können einschreiten,
wenn Drogenhändler unsere Kinder verführen,
wenn die lieben Kleinen ihre Finger in den Verlockungen des
Warenangebots verlieren, oder mal wieder zu viele Farbdosen mitgehen
lassen.
Schon der kleinste Verdacht stellt die Verbindung her, und ich verrate
Ihnen gern ein kleines Geheimnis: wir arbeiten an bahn brechenden
Methoden zur direkten Sanktionierung geplanter
Unregelmäßigkeiten.
In Tierexperimenten wurde nachgewiesen, dass schon kleine elektrische
Entladungen, der Laie spricht von Stromstößen,
entscheidende
Konditionierungen erzielen können, die es
ermöglichen,
ungeschoren den rechten Weg weiter zu verfolgen.
Und was bei Hunden und Ratten funktioniert, kann doch für die
uns anvertrauten Nachwachsenden nicht falsch sein!
In diesem Sinn danken wir der Jury für ihre
Unterstützung,
unser Anliegen einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich zu
machen. Medial begleitete Preisverleihungen sind eben wertvolle
Werbeträger.
Und was kann wertvoller sein, als für die Sicherheit unserer
Kinder, also unserer Zukunft zu sorgen.«
© Matthias
Harre
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